Das Handwerk braucht schlaue Köpfe
Während die Branche über den Fachkräftemangel klagt, sichtet man bei der K. Schweizer AG jährlich über 100 Bewerbungen für 15 Lehrstellen. Die Gründe sind vielfältig, wie ein Gespräch mit Berufsbildner Martin Koch und dem Lernenden Henrik Wäckerlin aufzeigt.
In den Werkstätten und auf den Baustellen der K. Schweizer AG ist das Handwerk längst im digitalen Zeitalter angekommen. Als Teil der Burckhalter-Gruppe nutzt das Unternehmen Synergien, behält aber seinen familiären Kern bei. Besonders wertvoll ist das hauseigene Ausbildungszentrum, in dem jährlich über 100 Lernende geschult werden.
Martin Koch, über 100 Jahre Firmengeschichte sind eine Ansage. Wie vermittelst du jungen Leuten heute den Stolz auf ein Handwerk, das sich technologisch so rasant wandelt?
Martin Koch (MK): Stolz entsteht durch Relevanz. Ich zeige den Lernenden die echten Zukunftsmöglichkeiten auf, die dieser Beruf bietet. Wer bei uns startet, kann in dieser Branche ein Leben lang glücklich sein. Die Aufgabenfelder sind heute vielfältiger als früher. Wir beschäftigen uns ständig mit neuen Themen wie Photovoltaik oder der Installation von Ladestationen für die Elektromobilität. Man lernt nie aus, und genau das macht den Reiz aus.
In euren Anforderungsprofilen steht oft die Kombination aus «handwerklichem Geschick und schlauem Köpfchen». Was ist heute schwieriger zu finden?
MK: Das lässt sich nicht pauschalisieren. Beides wird in gleichem Masse benötigt. Mein Ziel als Berufsbildner ist es, immer 100 Prozent aus jedem Lernenden herauszuholen. Jeder und jede bringt seine oder ihre eigenen Stärken mit. Wichtig ist mir dabei eine Sache: Wir brauchen Leute, die gerne an der Front arbeiten. Nicht alle müssen nach der Lehre sofort den Weg in Richtung Chef einschlagen. Wir benötigen hochqualifizierte Fachkräfte, die im Beruf bleiben und draussen beim Kunden die Probleme lösen. Wer Freude an der Arbeit hat, ist bei uns genau richtig.
Henrik Wäckerlin, du bist jetzt im vierten Lehrjahr als Elektroinstallateur EFZ. Warum hast du dich gegen das Gymnasium oder einen reinen Bürojob entschieden?
Henrik Wäckerlin (HW): Ich will am Abend sehen, was ich geschafft habe. Ich habe schon immer gerne mit den Händen gearbeitet, aber eben auch mit dem Kopf. Als Teenager habe ich meinen eigenen Computer zusammengebaut. Schon damals erkannte ich, dass Technik und Handwerk zusammengehören. Im zehnten Schuljahr – das war mitten in der Corona-Zeit – hatte ich dann ein Online-Gespräch mit Martin Koch. Seine Art und die Perspektiven im Betrieb haben mich sofort überzeugt.
Das Handwerk leidet unter dem Arbeitskräftemangel. Bei euch bewerben sich jährlich über 100 Personen auf 15 Stellen. Wie macht ihr das?
MK: Der Ruf eilt uns voraus. Die Zugehörigkeit zur Burckhalter Gruppe spielt uns sicher in die Karten, aber viel entscheidender ist die Mund-zu-Mund-Propaganda. Wenn Kunden mit der Arbeit unserer Lernenden zufrieden sind, spricht sich das herum. Ein grosser Faktor ist zudem unser eigenes Ausbildungszentrum. Das ist eine Art «Vor-ÜK», in dem wir die Jungen gezielt vorbereiten. Ausserdem nutzen wir Events wie die Lehrstellenbörse des Gewerbeverbands Basel-Stadt intensiv für den Erstkontakt.
Gibt es auch Herausforderungen bei der Personalsuche?
MK: Ja, absolut. Im Segment der 30- bis 40-Jährigen spüren wir den Mangel sehr deutlich. Was die Jungen betrifft: Mir fällt auf, dass der Schritt von der Schule in die Berufswelt heute oft schwerer fällt als vor zehn Jahren. Die Jugendlichen brauchen mehr Zeit, um sich an den Rhythmus und die Anforderungen zu gewöhnen. Das soll kein Vorwurf sein. Aber es ist ein Fakt, auf den wir in der Ausbildung mit Geduld und Struktur reagieren müssen.
Ein spezielles Instrument bei euch ist der «Stiftä Club». Was steckt dahinter?
MK: Wir stellen dort unsere Lernenden vor und publizieren Berichte über gemeinsame Projekte. Ein Highlight war unser Lehrlingscamp im Berner Oberland. Wir haben dort drei Tage lang Wanderwege instandgesetzt und eine Holzbrücke repariert. Das hat mit Strom natürlich wenig zu tun, aber dafür umso mehr mit Teambildung. Wer gemeinsam eine Brücke baut, arbeitet auch im Betrieb besser zusammen.
Henrik, ihr deckt von Starkstrom bis Solar alles ab. Wo zieht es dich am meisten hin?
HW: Ganz klar in den Kundendienst. Da ist man Generalist. Man begleitet ein Projekt von der Fassade bis zum technischen Abschluss. Man versteht einerseits das elektrische Detail, andererseits aber auch das grosse Ganze. Jeder Tag ist anders, das macht den Job extrem abwechslungsreich. Man weiss morgens oft nicht, vor welcher Herausforderung man mittags steht.
Wie sehen deine Pläne nach dem Abschluss im 4. Lehrjahr aus?
HW: Ich werde mich definitiv auf einem Fachgebiet spezialisieren und weiterbilden. In welche Richtung es genau geht, lasse ich mir noch offen, aber ich bleibe dem Handwerk und der Branche treu.
Was ist dein wichtigster Rat an Jugendliche, die gerade vor der Berufswahl stehen?
HW: Lasst euch nicht einreden, dass nur ein Studium zählt. Es wird heute oft zu viel Wert auf den akademischen Weg gelegt. Arbeitet erst mal im Handwerk und lernt, wie die Dinge funktionieren. Das Schöne an unserem Bildungssystem ist ja die grosse Durchlässigkeit: Wer eine Lehre hat, kann später immer noch studieren oder sich spezialisieren. Man verbaut sich nichts mit einer Lehre, aber man legt ein starkes Fundament.